Das Ernährungstagebuch

Der Beratung eines Patienten in der ärztlichen Praxis geht zumeist eine umfassende Labordiagnostik voraus, um festzustellen, wie es um die gesundheitliche Verfassung des Patienten steht. In der Ernährungsberatung besteht ebenfalls eine Notwendigkeit zu einer umfassenden Verhaltensdiagnostik, ohne die keine wirkungsvolle Ernährungsberatung durchgeführt werden kann.

Neben der Anamnese wird ein Ernährungsprotokoll oder -tagebuch als weitere Erhebungsmethode eingesetzt, in das der Klient über einen bestimmten Zeitraum einträgt, was er isst und trinkt. Das Ziel der Ernährungserhebungen besteht darin, möglichst genau und umfassend das Ernährungsverhalten des Klienten zu erfassen. Zusätzlich werden spezielle Verhaltensaspekte erfasst wie Kontrolle oder Störbarkeit des Essverhaltens und die emotionale Verfassung. 

Hintergrund

Ernährungstagebücher dienen in der Ernährungsberatung als diagnostisches Hilfsmittel. Hier wird der Klient gebeten, seinen Lebensmittelverzehr über eine gewisse Zeitspanne zu notieren. Freie Notizen, u.a. mit einem genauen Abwiegen der Verzehrsmengen, sind ebenso möglich wie das Eintragen von Uhrzeit, Ort und emotionaler Verfassung. Je präziser eingetragen wird was und wie viel gegessen und getrunken wurde, welche Vorlieben bestehen und ob es bestimmte Einschränkungen gibt, umso spezifischer kann die nachfolgende Beratung stattfinden. 

Zeitrahmen

Die individuelle Nährstoffaufnahme unterliegt einer grossen Variationsbreite. Daher ist ein einmaliges Erfassen der Nährstoffaufnahme bei einer Person ein mehr zufälliges Ergebnis, das kaum zuverlässig bewertet werden kann. In der Regel wird der Klient gebeten, das Ernährungstagebuch über den Zeitraum von einer Woche zu führen. Dadurch lassen sich Mittelwert und Standardabweichungen für die individuelle Nährstoffzufuhr berechnen. 

Vorteile und Nutzen des Ernährungstagebuchs

Für den Klienten:

  • Selbstreflexion: Das Aufzeichnen der täglichen Nahrungsaufnahme fördert das Bewusstsein für die eigenen Ernährungsgewohnheiten.

  • Erkennen von Mustern: Durch das Dokumentieren können ungeeignete Muster oder Trigger für ungesunde Gewohnheiten identifiziert werden.

  • Motivation: Das Festhalten von Fortschritten kann motivierend wirken und dazu anregen, geeignetere Entscheidungen zu treffen.

Für den Ernährungsberater:

  • Individuelle Beratung: Das Tagebuch bietet einen detaillierten Einblick in die Ernährungsgewohnheiten, wodurch gezielte Empfehlungen gegeben werden können.

  • Basis für Diskussionen: Das Tagebuch kann als Ausgangspunkt für Gespräche über Ernährungsgewohnheiten und -ziele dienen.

  • Verlaufskontrolle: Regelmäßige Einträge ermöglichen es, den Fortschritt zu überwachen und die Beratung entsprechend anzupassen.

Richtigkeit

Das Führen eines Ernährungstagebuchs ist mit der Vorraussetzung verbunden, dass alles detailgetreu aufgezeichnet und notiert wird, was gegessen und getrunken wurde. 

Um ein zuverlässige Ableitung zu treffen, ist es notwendig, dass der Klient bereit ist, die Zeit und den Aufwand zu investieren, der ein Ernährungstagebuch mit sich bringt.

Oft passiert es, dass die eigenen Portionen anders wahrgenommen werden, als es der Realität entspricht, weshalb das Abwiegen der Speisen die einzige Möglichkeit ist, mehr Genauigkeit in die Aufzeichnung zu bringen.

Ein weiteres Problem kann darin bestehen, dass die tägliche Ernährung in der Protokollperiode bewusst oder unbewusst anders verläuft und bestimmte Speisen oder Getränke aus Scham ausgelassen werden. Menschen, denen zur Kontrolle ihres Ernährungsverhaltens ein Tagebuch auferlegt wird, tendieren häufig dazu zu dokumentieren wie wenig sie essen und nicht was sie eigentlich essen würden.

So wundert es nicht, dass in den letzten Jahren zunehmend mehr Befunde publiziert wurden, die nachhaltigen Zweifel an der Korrektheit von Ernährungsprotokollen aufkommen ließen. Zumeist liefen diese Studien darauf hinaus, dass die Angaben in den Ernährungsprotokollen eine zwischen 10 und 20-prozentige Unterschätzung erkennen ließen. 1, 2, 3 Dieses Phänomen wurde inzwischen als „underreporting“ oder auch als „underestimating“ definiert. 4

Notwendigkeit

Auf Ernährungstagebücher wird nicht verzichtet werden können, da sie ein wichtiges Instrument für die Verhaltensdiagnostik aber auch zur Einleitung der Selbstbeobachtung darstellen. Ihre Anwendung macht allerdings nur Sinn, wenn der Klient dieses Instrument nicht als Kontrolle empfindet und der Berater die Daten aus der Analyse mit Vorsicht als Anhaltspunkte für eine erste Beschreibung des Ernährungsverhaltens betrachtet.

Die Dokumentation der Ernährung kann mit Zettel und Stift geschehen muss allerdings nicht, da es mittlerweile deutlich einfach und bequemer über verschiedene Apps funktioniert. Es gibt zahlreiche Anbieter auf dem Markt mit kostenlosen Versionen und Funktionen. Die gängigsten Programme, welche mit dem Deutschen Lebensmittelschlüssel sowie den Produkten aus deutschen und österreichischen Supermärkten arbeiten, sind MyFitnesspal, Yazio und FDDB. 

Die „richtige“ Dokumentation

Im Prinzip ist die Dokumentation der täglichen Ernährung nicht schwer, wenn folgende Punkte beachtet werden:

  • Sei dir über alle Lebensmittel bewusst, die du zu dir nimmst

  • Wiege die einzelnen Lebensmittel ab (im Rohzustand)

  • Vergleiche die Angaben in deiner App mit der Nährwertkennzeichnung auf der Verpackung

  • Unmittelbare Dokumentation nach dem Essen 

  • Sei ehrlich mit deiner Dokumentation

Der erste Punkt ist wahrscheinlich der, weshalb die meisten Menschen deutlich mehr Kalorien zu sich nehmen, als sie glauben. Oft werden Dinge einfach vergessen, weil man sie nicht im vollen Bewusstsein zu sich nimmt, sondern einfach so nebenbei. Hier ein paar Beispiele: 

  • Süßigkeiten und Kekse am Schreibtisch

  • Milch im Kaffee

  • Kaugummis und Bonbons

  • Säfte und Softdrinks

  • Öl zum Braten

  • Dressing oder Öl im Salat

All diese „Snacks“ oder „Extras“ liefern Kalorien. Einige mehr, andere weniger. Aber am Ende des Tages summieren sie sich auf. Wichtig ist auch, dass die einzelnen Lebensmittel abgewogen werden, bevor diese in die App oder das Tagebuch eingetragen werden. Oftmals kommt die Frage auf, ob das Essen roh oder gekocht gewogen und dokumentiert werden soll. Ganz wichtiger Punkt: Sämtliches Essen stets vor dem Kochen abwiegen. Kohlenhydrate wie Nudeln, Reis, Couscous, Quinoa und co. ziehen während des Kochens enorm viel Wasser wiegen im Nachhinein deutlich mehr - und das macht eine genaue Schätzung der Kalorien schwer möglich.

Weiterhin sollte darauf geachtet werden, dass die Nährwerte des Lebensmittels mit den Nährwerten in der App übereinstimmen. Bei vielen Lebensmitteln können sich die Nährwerte je nach Hersteller massiv unterscheiden. Das Aufschreiben direkt nach dem Essen verhindert das Vergessen von Details. Zu guter Letzt, ein Ernährungstagebuch funktioniert nur in dem Moment, in dem dieses zu 100 Prozent ehrlich und genau geführt wird. 

Auch das Abbeißen an dem Brötchen deines Freundes zählt. Ebenso wie das Stück Schokolade auf der Arbeit oder der kleine Snack an der Tankstelle. Ebenso wie das Öl in der Pfanne zum Anbraten oder der Schuss Milch im Kaffee. Alles, ich meine wirklich alles, was es in den Mund schafft zählt. Ohne Ausnahme. Es geht nicht darum, diese Dinge zu vermeiden - es geht darum, diese Dinge bewusst wahrzunehmen und sie ebenfalls aufzuschreiben oder einzutragen und auf dem Schirm zu haben. Underreporting ist ein klassisches Problem und wird direkt zum Misserfolg führen.

Zusammenfassung 

In der Welt der Ernährungsberatung und -therapie sind Werkzeuge, die sowohl dem Berater als auch dem Klienten Einblicke in die täglichen Ernährungsgewohnheiten bieten, von unschätzbarem Wert. Das Ernährungstagebuch hat sich als eines dieser zentralen Werkzeuge etabliert. Es dient nicht nur der bloßen Dokumentation von Nahrungsaufnahme, sondern geht weit darüber hinaus. Es ermöglicht eine tiefgreifende Reflexion und Analyse der Ernährungsmuster und -gewohnheiten.

Für professionelle Ernährungsberater bietet das Tagebuch wertvolle Einblicke in die täglichen Entscheidungen, Vorlieben und möglichen Herausforderungen der Ratsuchenden. Es bildet somit die Grundlage für gezielte, individuell angepasste Empfehlungen und Interventionen. In einer Branche, in der personalisierte Beratung und Betreuung im Mittelpunkt stehen, ermöglicht das Ernährungstagebuch eine noch genauere und effektivere Herangehensweise an die Bedürfnisse jedes Einzelnen.

Grundsätzlich muss deutlich erkannt werden, dass jede individuelle Bestimmung der Nährstoffzufuhr durch Tagebücher nur eine grobe Schätzung sein kann, die für die Nährstoffe höchst unterschiedlich sicher beziehungsweise unsicher ist. Um herauszufinden ob ein spezifischer Mengel einzelnen Nährstoffe vorliegt müssen weitere Methoden wie Blutuntersuchungen oder Stuhl- und Urinproben eingesetzt werden., 

Das Ernährungstagebuch sind ein hilfreiches Instrument, wenn es mit Vorsicht und Einfühlungsvermögen in der Praxis eingesetzt und ausgewertet wird. In meiner Beratung dient das Ernährungsprotokoll der Selbstbeobachtung und der Aufzeichnung von Ernährungsvorlieben. Es zeigt auch in welchem Abstand und unter welcher emotionalen Haltung die Nahrung eingenommen wurde. 

Als Ernährungsberaterin ziehe ich diese Methode gerne heran um ein genaueres Bild über meinen Klienten zu erhalten und auf seine bisherige Ernährung präziser einzugehen. Weitere offene Fragen rund um das Ernährungsprotokoll können vorab im Erstgespräch oder per E-Mail geklärt werden. 

 
Zurück
Zurück

Neue Gewohnheiten erfolgreich etablieren!

Weiter
Weiter

Flexibilität trifft Expertise